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  01.12.2017 Stechzirkel und Blutwurststein Die Ausbildung zum Wanderführer im Schwarzwaldverein  
 

Vielleicht wandern Sie lieber für sich allein. Vielleicht haben Sie aber auch schon einmal eine geführte Wanderung mitgemacht und hinterher gedacht: „Mensch, das war jetzt aber spannend! Jetzt haben ich nicht nur einen Fuß vor den anderen gesetzt, sondern auch was gelernt und Spaß in einer tollen Gruppe gehabt.“ Wie man Touren attraktiv gestaltet, Wissen rund um Land und Leute vermittelt und Gruppen wohlbehalten durchs Gelände bringt, das wollten wir lernen. Dazu investierten 15 Lehrgangsteilnehmerinnen und -teilnehmer fünf arbeitsreiche Wochenenden im Herbst 2017.

Die Mundharmonika
Wie in jeder neuen Gruppe geht es zunächst durchs Tor der Unsicherheiten: Wie gestaltet sich so ein Lehrgang, wer macht da mit? Lauter Menschen in karierten Oberhemden und Kniebundhosen? Müssen wir singen? Wir singen nicht – den musikalischen Part besorgt der Lehrgangsleiter des Schwarzwaldvereins, Gerhard Mörk mit seiner Mundharmonika. Am Anfang verdreht so mancher innerlich die Augen, als er das Ding aus der Tasche zieht, wir lernen es aber als erstklassiges Mittel kennen, um die Aufmerksamkeit der Gruppe einzufangen, eine nette Zäsur zu setzen – und als marketingtechnisches Alleinstellungsmerkmal. Schließlich wollen manche später mit ihrem Wissen auch Geld verdienen. Und schon sind wir beim Lernstoff.

Den bekamen wir bergeweise eingetrichtert. Marketing, Recht; Wolken lesen lernen, Regen wittern, Richtungen bestimmen anhand von bemoosten Bäumen; Geologie, Natur- und Landeskunde; vom Wert der Streuobstwiesen, Moore und Schafherden wissen. Im Schweinsgalopp geht es durch die Baustilkunde (Romanik, Gotik und noch mehr, unterlegt mit Eselsbrücken: „Schauen Sie sich mal Ihre Euro-Scheine genauer an.“), Süddeutschlands Gesteine („Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergess’ ich nimmer.“).

Der Blutwurststein
Wozu die ganze Theorie? Eine geführte Wanderung soll Erlebnisse bieten. Ein Wanderführer weiß nicht nur, wo’s langgeht, sondern bringt auch alle „Phänomene“ (so heißt das im Erlebnispädagogik-Sprech) näher, die unterwegs auf Schritt und Tritt auftauchen. Jeder schrumpelige Pilz wird zum Ökosystembotschafter, jeder Wald birgt seine Sagen, jeder Grenzstein, jedes Haus steckt voller Geschichten über Land und Leute. Diese soll der Wanderführer zum Leben erwecken und dafür sorgen, dass die Gäste mehr mit nach Hause nehmen als ein paar Fotos. Wir lernen also Geschichten erzählen, Emotionen wecken: Den Gästen etwas in die Hand geben, ein Stein, ein Stück Rinde, um zu spüren und um zu be-greifen, die Wanderkameraden mit einbinden, Fragen stellen, loben, motivieren, Spiele machen. Wir haben festgestellt, wie ermüdend monotone Referate sind und wie erfrischend es sein kann, ein auch noch so kleines Erlebnis zu bieten. Dabei – lernen wir – muss man aber mit den eigenen Stärken arbeiten und authentisch bleiben, sonst gibt’s einen verzwungenen Murks. Unsere Referenten lieferten Beispiele noch und noch ab: Die Geologie der Schwäbische Alb mit bunten Tüchern auf dem Boden darstellen. Versteinerte Haifischzähne zeigen. Mit den fiesen Tricks des Ameisenbläulings schocken – Referentin Silke Kluth barst vor spannend-schaurigen Geschichten über ihre geliebten „Biestis“, die Insekten. Geograf Andreas Megerle, ein Ausbund an Temperament und für die Erlebnispädagogik zuständig, wirbelte durch den Seminarraum, gab rote komische Batzen herum. Hm? Was ist das? Und schon ist die Neugier geweckt, das beste Einfallstor für Wissensvermittlung. Der „Blutwurststein“ entpuppt sich übrigens als ein Rotliegend-Fanglomerat. Wir nehmen viele Ideen mit. Aber wir diskutieren auch Grundsätzliches. Sind wir als Wanderführer eine Art Animateur? Wo endet die Wissensvermittlung, wo fängt die pure Bespaßung an?

Die Praxis
Was wir beim Lehrgang erstaunlicherweise nicht tun: wandern. Bestenfalls geht es ein Stündchen ums Haus, um ein wenig Wanderführeralltag zu üben. Plötzlich stürzt einer filmreif zu Boden, windet sich in Schmerzen. Wir als angehende Wanderführer ergreifen sofort Maßnahmen: Rudelbildung um den Kranken verhindern, die Gaffer ein paar Meter weiterschicken, Erste-Hilfe-Maßnahmen einleiten, kühlen Kopf bewahren. Überhaupt hatten es die praktischen Sequenzen und Rollenspiele draußen in sich. Wie geht man mit Leuten um, die ihre Eheprobleme lautstark in der Gruppe austragen? Und was tun mit den Besserwissern, Bruddlern und Quertreibern? Da war dann doch viel emotionale Intelligenz gepaart mit Standvermögen und Ruhe nötig.

Die Prüfung
Auch strapaziöse Stunden haben wir hinter uns gebracht: Heilloses Durcheinander herrschte bei Wegstreckenberechnungen nach alter Väter Sitte mit Hilfe von Geodreieck, Stechzirkel und Taschenrechner. Oder Standortbestimmung mittels Karte und Kompass. Im Zeitalter von GPS und digitalen Karten geht das am Computer zwar schneller und präziser. Doch solche Basics müssen sitzen. Wir finden nun auch offline sicher von A nach B!

Wirklich? Der Tag der Prüfung brach an. Die ist kein Pappenstiel und nicht geschenkt. Auch wenn Gerhard Mörk beruhigend auf uns einzuwirken versuchte, das Fracksausen blieb. So haben wir redlich geschwitzt über teils kernigen Prüfungsfragen, noch ein letztes Mal akribisch Höhenlinien zusammengezählt und den Stechzirkel bemüht. Und haben anderntags den praktischen Teil im Gelände im strömenden Regen absolviert. Jeder musste ein „Phänomen“ vorstellen, Totholz, Hochsitz, einen Grenzstein, römische Ruinen und was sonst noch im Pforzheimer Wald zu finden ist. Aber was hat das an diesem Tag geschüttet! Doch wie lautet die Mitternachtsformel des Wanderns? „Es gibt kein schlechtes Wetter...“. Mit 15 kreativen, ganz individuellen Mini-Präsentationen überraschten wir uns gegenseitig – ja, so interessant kann eine Wandertour sein! Wieder trockengelegt, gab’s am selben Tag Urkunde, Fortbildunsheft und Wanderführernadel aus den Händen von Lehrgangsleiter Gerhard Mörk und Co-Prüferin Silke Kluth, denn: Wir alle hatten bestanden – und Sie können uns jetzt live auf spannenden Touren erleben.

Was bleibt vom Lehrgang sonst noch in Erinnerung? Die gute, respektvolle Stimmung in der Gruppe. Und der Dank an engagierte und kompetente Referentinnen und Referenten, allen voran Gerhard Mörk sowie die besondere Gastfreundschaft der Ortsgruppe Pforzheim-Brötzingen.

Dina Stahn